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Belzec, Sobibór, Treblinka - Reise zu den vergessenen Lagern des Holocaust in Ostpolen

Studienreise vom 8. bis 15. September 2007 nach Lublin. Diese einwöchige Bildungsveranstaltung thematisiert die Geschichte und Bedeutung der Vernichtungslager der so genannten Aktion Reinhardt. Neben den Besuchen der heutigen Gedenkstätten bietet diese Studienreise tiefe Einblicke in unterschiedliche Aspekte des Holocaust in Ostpolen. Die Teilnahmekosten enthalten die An- und Abreise ab/nach Berlin, Übernachtung, Vollverpflegung, Bildungsprogramm und betragen 390,- Euro

Seit 1998 veranstaltet das Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V. Reisen zu den Vernichtungslagern der „Aktion Reinhard“ nach Ostpolen, seit 2004 gemeinsam mit der niederländischen Sobibór Stichting. Mittlerweile nehmen Menschen aus drei Nationen daran teil. Auf den folgenden Seiten drucken wir eine Reisereportage.

Gemütlich schaukelt der Eurocity 45 über die Oderbrücke gen Warschau. Dort heißt es dann umsteigen. Bis in die ostpolnische Großstadt Lublin sind es noch knapp neun Stunden. Noch viel Zeit. Zeit zu lesen, wie es war, als die Transporte mit jüdischen Menschen aus Deutschland denselben Weg nahmen. Das Streckennetz ist ja das alte. Alles andere ist neu. Die Straßen, die Autos, die Häuser, die am Zugfenster vorbeiziehen. Und die Menschen sind bis auf die ganz Alten auch andere. Doch als neben dem Bahndamm ein Bauer mit einem dicken Pferd, seinen Acker umpflügt, muss man automatisch an früher denken. Haben die jüdischen Menschen geahnt, dass es eine Reise in den Tod werden würde? „Nein“, sagt Jules Schelvis, der im selben Zug sitzt und seinem Gegenüber von seiner ersten, unfreiwilligen Reise im Juni 1943 in den Osten Polens erzählt. „Wir glaubten tatsächlich, die Deutschen schickten uns zum Arbeiten nach Osten.“ Damals standen er und die anderen, darunter auch seine junge Ehefrau und deren Familie, dichtgedrängt in einem Viehwaggon. An den beißenden Gestank von Urin und Kot erinnert sich der heute 85-Jährige Niederländer noch genau. Die Fahrt dauerte Tage. Ein WC gab es nicht.

Seit zwei Jahren fährt er jetzt regelmäßig mit Niederländern und Deutschen nach Polen. Jules Schelvis gehört zu den Mitveranstaltern der Reise zu den Vernichtungslagern der „Aktion Reinhard“. Es sind Juden und Nicht-Juden, alte und junge Menschen, die alle das Interesse am Thema eint. Dass die Gruppen so unterschiedlich, so bunt gemischt sind. Das findet er spannend. Einige kennen bereits KZ-Gedenkstätten in Deutschland, waren aber noch nie in den deutschen Todeslagern in Polen. Manchmal sind nahe oder entferntere Verwandte von Holocaust-Opfern unter den Reisenden. Sie wollen die Orte besuchen, an denen Familienangehörige umgekommen sind. In Lublin werden sich diesmal noch polnische Studenten der deutsch-niederländischen Reisegruppe anschließen.

Lublin

Fünf junge Studenten warten bereits in der Unterkunft, einem großen zweistöckigen Gebäude in der Lubliner Altstadt. An den Wänden in den Fluren hängen Heiligenbilder. Es ist ein katholisches Gästehaus. Nonnen in Ordenstracht schließen die Zimmer auf und verteilen Handtücher an die Gäste. Früher lebten Senioren in diesem Haus. Es war ein Altenheim für arme jüdische Menschen. Aber das ist schon lange her, als Lublin noch eine große jüdische Gemeinde hatte. Vor dem Einmarsch der Deutschen lebten etwa 40.000 Juden in Lublin – sie stellten etwa ein Drittel der Einwohner Lublins. Heute zählt die jüdische Gemeinde nicht einmal mehr zwei Dutzend Personen, erzählt der Historiker Robert Kuwalek. Der freundliche Mann mit den kurzen rotblonden Haaren und einem modischen Kinnbart ist Historiker in der Lubliner Gedenkstätte Majdanek. Er wird die Gruppe in der kommenden Woche begleiten. Der erste Ausflug startet quasi vor der Tür. Unmittelbar dort begann das frühere jüdische Stadtviertel. Dicht gedrängt standen die jüdischen Häuser unterhalb des Lubliner Schlosses, das mit riesigen Streitäxten auf den Zinnen düster über der Stadt thront. Von oben hat man einen guten Überblick. Wo sich heute ein riesiger gepflasterter Platz und eine sechsspurige Straße befinden, befand sich vor dem Krieg die größte Synagoge der Stadt. Das ganze Viertel erklärten die Deutschen zum jüdischen Ghetto. Nach der gewaltsamen Ghettoräumung und der Deportation der jüdischen Einwohner in das Vernichtungslager Belzec, zerstörten die Deutschen einen Teil des jüdischen Viertels.
Durch den noch erhaltenen Teil führt Robert Kuwalek die Gruppe. Kurz nach dem Einmarsch, 1939, teilten die deutschen Besatzer die Stadt in Sektoren ein, berichtet er. „Jüdische Menschen, die noch in anderen Teilen der Stadt wohnten, wurden dann hierher umquartiert. Ab 1940 musste die gesamte jüdische Bevölkerung isoliert in diesem Bereich leben.“ Zwei Jahre später begannen die „Aktionen“. Straßenzug um Straßenzug, Haus für Haus trieb die SS die jüdischen Bürgerinnen und Bürger in der Regel nachts aus ihren Wohnungen und brachten sie an den Stadtrand, zu einem Schlachthof, wo es einen Gleisanschluss gab. „Umschlagplatz“ – so bezeichnete die SS diesen Ort. Hier trieben sie die Menschen in die wartenden Deportationszüge. Den Weg zum Schlachthof mussten die Lubliner Juden zu Fuß zurücklegen. Die, die weite Strecke nicht mehr gehen konnten oder fliehen wollten, wurden noch auf der Straße erschossen oder erschlagen.

Hinter einem eisernen Schiebetor patrouillieren kläffende Schäferhunde. Das war der Schlachthof. Aber geschlachtet wird hier schon ein paar Jahre nicht mehr. Die Firma hat Pleite gemacht. Nun ist das Gelände abgesperrt und für die Öffentlichkeit unzugänglich. Doch dank eines Agreements des Historikers Kuwalek mit dem Besitzer darf die Gruppe das alte Fabrikgelände besichtigen. Viele der roten Backsteingebäude bröckeln vor sich hin. Hallen drohen einzustürzen. Nach einem kurzen Spaziergang durch die Industriebrache erreicht man am anderen Ende eine hohe Mauer. Davor liegen, von Unkraut fast zugewuchert einige rostige Eisenbahnschienen übereinander. Eigentlich sollen sie ein Denkmals sein und die Deportation der Lubliner jüdischen Bevölkerung in den Tod symbolisieren. Die fünf Lubliner Studenten haben von diesem Denkmal noch nie etwas gehört. Sie sind das erste Mal an diesem Ort. Kein Wunder, in dem Lubliner Stadtführer zur jüdischen Geschichte sucht man vergeblich einen Hinweis. Aber das soll sich bald ändern, sagt der Historiker Robert Kuwalek auf der Rückfahrt ins katholische Gästehaus. Zusammen mit anderen engagierten Bürgern hat er eine Initiative gestartet, um diesen vergessenen Ort wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Demnächst soll der „Umschlagplatz“ ausgeschildert, das Denkmal gepflegt und vor allem der Ort für alle interessierten Besucher jederzeit zugänglich sein.

Sobibór

Der Busfahrer stoppt den Reisebus vor einer Wand aus gestapelten Holzstämmen. Der Erdboden ist mit Kiefernnadeln und Rinde übersät. Es riecht nach Saunaaufguss. Direkt gegenüber liegen Bahngleise und dahinter erkennt man ein altes, heruntergekommenes Bahnhofsgebäude. Sobibór steht auf einem rostigen Schild. Personenzüge halten hier nicht mehr, nur noch Holztransporte. Wo sich heute die Holzverladestation befindet, standen einst die vordersten Baracken des Vernichtungslagers Sobibór. Nach dem Aufstand der jüdischen Arbeitshäftlinge im Oktober 1943 zerstörte die deutsche SS das Lager. Die Gaskammer wurde abgebrochen und dem Erdboden gleich gemacht. Um die Spuren des Massenmordes zu verwischen, pflanzten sie auf dem Gelände schnell wachsende Bäume. Allein das "Schwalbennest" blieb unberührt. „Schwalbennest“ – so hieß die Villa des SS-Kommandanten. Das Haus ist bewohnt. Im Garten des grünen Holzhauses flattern weiße Bettlaken im Wind. Ebenfalls historisch ist die Bahnrampe, an der die Deportationszüge hielten. Dort kam Jules Schelvis am 4. Juni 1943 mit einem Transport aus dem niederländischen KZ-Durchgangslager Westerbork an. Er und die anderen im Waggon dachten, Sobibór wäre ein Arbeitslager. Drum hatte er auch seine Gitarre mitgenommen. Nach der Arbeit wollte er Musik machen. Zusammen mit Jules Schelvis waren auch seine Ehefrau und deren Familie deportiert worden. „Nachdem wir aus dem Waggon gesprungen waren, ging alles sehr schnell“, erinnert sich der rüstige alte Mann mit den weißen Haaren und der Brille. „Unser Gepäck mussten wir an Ort und Stelle lassen. Die Gitarre landete auf einen großen Haufen. Und meine Frau Rachel fragte mich, was sie mit ihrer Armbanduhr machen sollte. Schnell, vergrab sie, flüsterte ich ihr zu. Mit dem Fuß hat sie die Uhr dann im lockeren Sand verscharrt.“ Das war das letzte Mal, dass er seine Frau sah. „Als ich mich erneut nach ihr umdrehte, war sie weg.“ Jules Schelvis´ Stimme zittert ein wenig. Seine Augen glänzen. Auch wenn er diese Geschichte schon Tausendmal erzählt hat. „Wir haben uns nicht voneinander verabschiedet. Es gab kein letztes Wort, kein Blick. Gar nichts.“

Bis zum Aufstand der jüdischen Arbeitshäftlinge am 14. Oktober 1943 tötete die SS etwa eine Viertelmillion Jüdinnen und Juden mit den Abgasen eines Panzermotors. Das Gros der Opfer kam aus Polen. Zehntausende aus Frankreich, Deutschland, der Tschechoslowakei und der damaligen Sowjetunion. Allein fast 35.000 Jüdinnen und Juden aus den Niederlanden fanden hier ihren gewaltsamen Tod. – Nicht nur für Jules Schelvis – auch für die anderen niederländischen Reiseteilnehmer ist der Besuch von Sobibór daher etwas Besonderes. Die, die Familienangehörige in Sobibór verloren haben, wollen zur Erinnerung an sie, die Namen der Getöteten laut aussprechen und danach das Kaddisch sagen. Für die kleine, improvisierte Zeremonie haben die deutschen und die polnischen Teilnehmer einen Halbkreis um die Sprecherinnen und Sprecher gebildet. „Für meinen Opa und meine Oma, die hier ermordet wurden“, beginnt eine ältere Frau. Dann schaut sie auf einen kleinen Zettel und trägt noch weitere Namen vor. Freunde aus Holland hatten sie gebeten, am Ort des Leidens auch die Namen ihrer Verwandten zu sagen. Einige Zuhörer schauen schweigend vor sich auf den Boden. Andere haben Tränen in den Augen. „250.000 Tote allein in Sobibór, das ist eine unvorstellbar große Zahl. Irgendwie total abstrakt“, erklärt später eine deutsche Teilnehmerin ihre Ergriffenheit. „Doch als die Niederländerin den Namen ihrer Großeltern, von Onkeln und Tanten aussprach, das ging mir direkt ins Herz.“

Für die Toten gibt es keine Grabstätte. Ihre Asche liegt verstreut auf dem ehemaligen Lagergelände in sieben Massengräbern. Das Größte soll halb so groß wie ein Fußballfeld sein. Ein paar Tassen, Messer, Gabeln und Ferngläser haben Archäologen bei Ausgrabungen gefunden. Um einen Ort der Trauer und des Gedenkens zu schaffen, haben das Bildungswerk Stanislaw Hantz, die Gedenkstätte Sobibór und die niederländische Sobibór Stichting, ein Gedenkprojekt initiiert. Entlang des letzten Weges der Deportierten, von den so genannten Auskleidebaracken bis zu der früheren Gaskammer, wurden Bäume gepflanzt und Steine gesetzt. Mehrere Dutzend Steine tragen bereits die Namen von hier Ermordeten. Weitere sollen hinzukommen. Stein um Stein sollen hinter der anonymen Zahl von 250.000 Opfern wieder Menschen und deren persönliche Schicksale sichtbar werden. Auch Jules Schelvis, der Gründer der Stichting Sobibór, hat Steine für seine ermordeten Angehörigen gestiftet: „Von ihnen ist nur ihre Asche geblieben, aber wo die ist, weiß keiner. Aber einen Stein in dieser Gedenkallee, den kann ich fassen.“ Nachdem der offizielle Teil des Besuches beendet ist, geht er noch einmal die Gedenkallee entlang. An einer bestimmten Stelle hält er an, klappt seinen mitgebrachten Reisestuhl aus und setzt sich hin. Bevor er geht, legt er eine rote Rose vor den kleinen Stein, der den Namen Rachel Schelvis-Borzykowski trägt. Seine Ehefrau.

Izbica

Dritte Station der Reise nach Ostpolen ist Izbica. Das Dorf erstreckt sich links und rechts der Route von Lublin nach Lviv (Lemberg). Einst gehörte Izbica zu den typischen jüdischen Schtetl im Südosten Polens. Von den damals etwa 6000 Einwohnern waren 80 Prozent Juden. Heute leben dort nur noch christliche Polen. Bis auf den alten jüdischen Friedhof auf einer Anhöhe am Rande des Ortes deutet nichts mehr auf die jüdische Geschichte des Ortes hin. Ein Trampelpfad schlängelt sich den Hügel zum Friedhof hinauf. Die Älteren haben sich bei Jüngeren untergehakt, um heil oben anzukommen. Kurt Gutmann, der mit seiner Enkelin die Reise macht, ist ins Gespräch mit dem Historiker Kuwalek vertieft. Mit einem der letzten jüdischen Kindertransporte aus Deutschland gelangte er als Jugendlicher 1938 nach England. Mutter und Bruder blieben in Deutschland zurück. Seitdem hat Gutmann nichts mehr von ihnen gehört. Lange Zeit glaubte er, dass sie in Auschwitz ermordet wurden, doch dann fand er einen Hinweis darauf, dass sie 1942 von Düsseldorf nach Ostpolen deportiert wurden. Ziel des Transportes: Izbica.

Von März bis Juni 1942 wurden etwa 15.000 Jüdinnen und Juden aus Deutschland und Österreich in so genannte Durchgangslager im Distrikt Lublin deportiert. Izbica gehörte zu diesen Lagern. Das Dorf war die Zwischenstation in den Tod. Im Frühjahr 1942 wurden auch Menschen aus Wien, Würzburg oder Prag nach Izbica gebracht. Manchmal mussten sie einige Wochen, manchmal sogar Monate dort warten, bis sie weiter in die Todeslager transportiert wurden. Damals herrschten in dem kleinen, völlig überfüllten Dorf katastrophale Zustände. Es gab kaum Lebensmittel. Viele wurden krank, starben an Entkräftung oder wurden während der „Aktionen“, die den Deportationen in die Vernichtungslager vorausgingen, ermordet oder fielen den Massenerschießungen auf dem jüdischen Friedhof zum Opfer.

Noch vor wenigen Jahren bot sich den Besuchern des Friedhofes ein deprimierendes Bild. Zwischen den wenigen noch verbliebenen und von Moos bewachsenen Grabsteinen lagen Getränkedosen, Wodkaflaschen und Plastikbecher herum. Der Platz war ein beliebter Party-Ort. Ein Teil des früheren Friedhofes diente gar als Müllhalde. Mit den allmählich im Erdboden versinkenden Gräbern schien auch deren Geschichte zu verschwinden. Seit einem Jahr pflegen jedoch Schüler einer nahe gelegenen Schule den Ort. Dank der Unterstützung des Bildungswerks Stanislaw Hantz weisen heute Informationstafeln auf den Ort und die Massengräber hin. Aufmerksam lesen Kurt Gutmann und seine Enkelin den Text. Höchstwahrscheinlich ist seine Mutter, ihre Oma gar nicht hier angekommen, sondern doch mit einem Transport direkt nach Belzec oder Sobibór gebracht worden.

Treblinka

Die Gleise der Bahnstrecke Siedlce-Treblinka-Malkinia existieren noch, doch kein Zug fährt mehr auf ihnen. In dieser dünn besiedelten Region Polens sieht man in den Dörfern noch viele Holzhäuser. Die wenigen Neubauten bleiben aus Geldmangel oft unverputzt. Hin und wieder sieht man noch einspännige Pferdefuhrwerke auf der Straße. Die Leute hier sind arm. Vor über 60 Jahren muss es in dieser Gegend aber für kurze Zeit einmal anders gewesen sein. Zeitzeugen berichten von Bauersfrauen in Pelzmänteln und großen Weidenkörben voller Armbanduhren. Damals waren die Dörfer rund um Treblinka Anziehungspunkte für zahlreiche Spekulanten und Händler aus Warschau und Lublin. Sie kamen nach Treblinka auf der Suche nach Gold und Diamanten. Die Wachmannschaften des Lagers tauschten die Wertgegenstände der Ermordeten, Uhren und Schmuck, gegen Wodka, Lebensmittel und den Dienst von Frauen. Florian Ross vom Bildungswerk Stanislaw Hantz zitiert einen Treblinka-Überlebenden: „Die ganze Gegend, weit und breit, schmarotzt auf diesem Mammon verseuchten Schlachthof, alle haben ein Interesse daran, dass dieser in Treblinka weiter besteht.“ Nach dem Krieg sprach der ehemalige SS-Kommandant Franz Stangl gegenüber einer Journalistin im Gefängnis über einen regelrechten Treblinka-Tourismus. Schaulustige seien bis an den Stacheldrahtzaun gekommen und Privatflugzeuge im Tiefflug über Lager das geflogen, um zu sehen, was dort geschah.

Treblinka – das war das größte Lager der „Aktion Reinhard“. Insgesamt etwa 900.000 jüdische Menschen wurden hier ermordet. Es gibt aber auch Berechnungen von über einer Million Menschen, die hier sterben mussten, erzählt Florian Ross. Die ersten Deportationszüge trafen am 23. Juli 1942 aus dem Warschauer Ghetto in Treblinka ein – die letzten kamen am 18. und 19. August 1943. Kurz zuvor hatte es einen Aufstand der 600 bis 1000 jüdische Häftlinge gegeben, den Sklavenarbeiter der SS. Sie mussten die Habseligkeiten der Ermordeten sortieren, die Haare der Frauen scheren und die Leichen der Vergasten verbrennen. 200 von ihnen gelang es zu fliehen. Nur ungefähr 60 erlebten das Kriegsende.

Ungefähr 30 SS-Angehörige mit 80 bis 120 so genannten Trawniki-Männern organisierten den Massenmord. Florian Ross berichtet detailliert auch über den Alltag des Mordens, den Raub, die Vergewaltigungen der weiblichen Opfer, bevor diese in die Gaskammer getrieben wurden. Die Lubliner Studentin Eva ist beeindruckt von der Führung. „Ich bin wirklich überrascht, wie offen sie über die Taten ihrer Landsleute sprechen.“ Auch für Theresa ist die Reise mit den Deutschen eine neue Erfahrung. In polnischen Medien hatte sie zuvor oft gelesen und gehört, dass die Deutschen ihre dunkle Vergangenheit am liebsten vergessen und die Schuld weit von sich weisen würden. „Hier erlebe ich das Gegenteil. Die Deutschen setzen sich sehr intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinander.“

Wer die Geschichte des Lagers nicht kennt, und ohne kundigen Führer die Gedenkstätte besucht, ist auf dem weitläufigen Gelände ein wenig verloren. In Treblinka gibt es weder ein Museum, noch eine Ausstellung. Zwar kann man an einem Kiosk eine Broschüre und auch Bücher kaufen, doch die bieten kaum eine Orientierungshilfe. Was dagegen beeindruckt, ist die Gestaltung der Gedenkstätte. Mit einfachen Mitteln wurde versucht, die Tragödie nachzuzeichnen. Etwa zwei Meter hohe, grob behauene Basaltsäulen ragen wie Kerzen aus dem Boden. Die Steine stecken die Umrisse des Lagers. Schwellen aus Granit deuten den Schienenstrang an, der unmittelbar ins Lager führte. Drei große Felder, unter denen die Asche der Ermordeten verborgen liegt, sind betoniert worden. Aus dem gegossenen Beton ragen fast 20.000 bizarre Steine in unterschiedlichsten Formen und Farben empor. Sie wecken Erinnerungen an verwitterte, dicht gedrängte Grabsteine auf alten jüdischen Friedhöfen. Über 200 Steine tragen polnische Ortsnamen, aus denen die jüdischen Bewohner nach Treblinka gebracht wurden. Das offene Gelände lädt zum Spazieren gehen. Viele nutzen am Ende des Rundganges die Gelegenheit und wandern in ihren Gedanken versunken zwischen den Steinen umher.

Belzec

Im Vergleich zur Gedenkstätte in Treblinka ist die in Belzec monumental. Schon von der Fernstraße Lublin ins ukrainische Lviv (Lemberg) ist das mehrere Fußballplätze große Meer aus Steinen zu sehen, das einen Hang hinaufschwappt. Das Steinfeld wurde erst 2004 angelegt. Zuvor war Belzec jahrzehntelang ein vergessener Ort der Shoah. Kaum jemand wusste, dass hier, am Rand des gleichnamigen Ortes etwa 450.000 jüdische Menschen, aber auch Roma und Sinti ermordet wurden. Literatur gab es praktisch keine. Von nur einem Überlebenden existierte ein Augenzeugenbericht. Belzec war das erste Lager der „Aktion Reinhard“. Hier begann im März 1942 der systematische Massenmord an den europäischen Juden in einer stationären Gaskammer. Bereits neun Monate später wurde das Lager wieder geschlossen. Um ihre Spuren zu verwischen, ließ die SS wie in Sobibór und Treblinka das Lager einebnen. Die Leichen wurden verbrannt, die Knochen zermalmt und anschließend mit der Asche vergraben.

„Weil sich hier überall Massengräber befinden, ist fast das ganze Gelände mit Steinen bedeckt und darf nicht betreten werden“, erläutert Robert Kuwalek, Historiker und Leiter der Gedenkstätte, das Konzept. Ein Fußweg führt um das steinerne Meer herum. Ein Gang teilt es in zwei Hälften. Auf einer Länge von knapp 150 Metern wachsen rechts und links allmählich dunkelgraue Betonwände in den Himmel. Robert Kuwaleks Schritte hallen auf dem Kopfsteinpflaster. Bis zur Oberfläche sind es über zehn Meter. Geradeaus scheint eine riesige Steinwand den Ausgang zu versperren. "Dieser Weg soll den Besuchern die hoffnungslose Lage der deportierten Juden verdeutlichen", sagt Kuwalek. An der Wand am Ende des Ganges ist Hiobs Satz gemeißelt: „Erde, bedecke mein Blut nicht; lass mein Schreien keine Ruhestatt finden!“ Dreht man sich um, befinden sich links und rechts des Ganges Nischen. Dort erinnern Tausende in Stein gehauene Vornamen, von A wie Anna bis Z wie Zygmunt, an die Namen der hier ermordeten jüdischen Menschen. Beidseitig führen Treppen wieder nach oben auf einen Weg, der um das ehemalige Lagergelände führt. Auf dem hellen Beton sind in rostigen Metalllettern die Ortsnamen geschrieben, aus denen die Unglücklichen deportiert wurden. Städtenamen wie Lublin, Krakau und Lemberg kann man dort lesen, aber auch Berlin oder Wuppertal. Wer so die Gedenkstätte umrundet, sieht sofort wie unwahrscheinlich dicht der Ort Belzec an das damalige Lager heranreichte. Ein Dorf, in unmittelbarer Nachbarschaft eines Todeslagers?

Kuwalek erklärt, dass einige Dorfbewohner am Aufbau des Lagers und sogar beim Bau der Gaskammer mitwirken mussten. Die meisten unmittelbaren Zeitzeugen sind mittlerweile tot, andere wollen sich nicht daran erinnern. Dabei schien das Dorfleben unmittelbar von den Mordaktionen betroffen. Die Wachmannschaften, also SS und Trawniki-Männer, wohnten im Dorf, tranken in den Dorfkneipen. Frauen aus dem Ort wuschen die Uniformen der SS. Der Bäcker lieferte täglich sein Brot direkt ins Vernichtungslager. Darüber hinaus verkauften Einheimische Lebensmittel und Wasser an die Menschen, die eingesperrt in Viehwaggons auf den Abstellgleisen am Bahnhof Belzec darauf warten mussten, in das Lager geschoben zu werden. Ein Stück Brot für einen Ehering, ein Becher Wasser gegen eine silberne Uhr. Der Förster aus dem Ort, so heißt es, jagte geflohene Juden. Lange wurde darüber gestritten, ob dies in der Ausstellung im Museum erwähnt werden soll. Jetzt steht dort der Satz: Einige Polen waren Kollaborateure. Und das prosaische Zitat eines Zeitzeugen: Entlang der Gleise nach Belzec warteten Schakale in Menschengestalt, bereit für Profit zu töten.

Majdanek

Ganz nah – vor den Toren der Stadt Lublin liegt das ehemalige KZ Lublin-Majdanek. Weil das frühere KZ in einer Senke liegt, grüßen schon von weitem drohend die mittlerweile schwarz verwitterten Holzbaracken der Häftlinge des KZ Lublin-Majdanek. Neben der Straße reichen die 30 Meter langen und sieben Meter breiten Unterkünfte, die auch Pferdeställe sein könnten bis an den Horizont. Sie sind umgeben von einer Doppelreihe Stacheldraht. Alle fünfzig Meter steht ein Bewachungsturm auf Holzstelzen. Den Eingang zur Gedenkstätte Majdanek versperrt ein riesiger Sargdeckel aus schmutziggrauem Beton, der aussieht wie eine fliegende Untertasse. Im Konzentrations- und Vernichtungslager wurden zirka 200.000 Menschen umgebracht, darunter etwa 80.000 Jüdinnen und Juden. Die meisten Opfer waren Polen und sowjetische Kriegsgefangene. Auf den Feldern des KZs endete auch die „Aktion Reinhard“ – die Ermordung der Jüdinnen und Juden in Ostpolen. Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Herr über den nationalsozialistischen Terrorapparat, nannte die Massenerschießung der im Spätherbst 1943 noch lebenden jüdischen Menschen in der Region Lublin: „Aktion Erntefest“. Tausend SS-Leute und Polizisten schwärmten am 3. November aus, um alle Jüdinnen und Juden aus den umliegenden Arbeitslagern wie Poniatowa oder Trawniki zu erschießen. Allein im Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek selbst wurden an diesem Tag zwischen 17 und 18 Tausend Menschen erschossen. Insgesamt ermordete die SS im Rahmen der „Aktion Erntefest“ rund 42 – 43.000 Jüdinnen und Juden im Distrikt Lublin.

Vor der Heimfahrt trifft sich die Reisegruppe noch ein letztes Mal, um über die gemeinsamen Erlebnisse der vergangenen Woche zu sprechen. „Zunächst war ich skeptisch“, beginnt ein älterer Niederländer, „ob ich es aushalte, mit Deutschen an die Orte zu fahren, wo Deutsche meine Verwandten umgebracht wurden. Ich habe es nicht bereut.“ Die Stimmung ist gelöst, offen. Viele sind sich – über die Sprach- und Altersgrenzen hinweg näher gekommen. Regelrecht aufgekratzt sind jedoch die jungen polnischen Studenten. „Ich hätte nie gedacht“, meint Eva, „dass die Vergangenheit noch so präsent ist und noch so wehtun kann.“

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